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Auch konservatorische Herausforderungen hatten einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Sammlung, so sind beispielsweise einige Büschel Schaffell zerfallen und, genau wie eine Handvoll toter Krebse, aufgrund ihres Gestanks aussortiert worden. Die Rekonstruktion einer vollständigen Chronologie der Dinge, die zu einem bestimmten Zeitpunkt Teil der Sammlung waren, ist unmöglich, deshalb bleibt nur das, was bis heute überdauert hat und vage Erinnerungen an das, was verschwunden ist.
Und obwohl der Großteil der Dinge der Sammlung bereits seit zehn Jahren weitgehend ungestört und gut verpackt auf dem Dachboden lagert, kamen in unregelmäßigen Abständen Dinge hinzu, meistens selbst gefundene Gegenstände aus Urlauben oder von Ausflügen, oft Knochen oder Steine (Abb. 8). Während bei diesen Dingen klar ist, wann und wie sie Teil der Sammlung wurden, ist der Ursprung vieler anderer unklar. Die meisten der Dinge sind unbeschriftet und bei einigen ist sogar unklar, worum es sich bei ihnen genau handelt. Die Fotografien, die im Rahmen dieser Arbeit entstanden sind, stellen damit auch die erste Form der Inventarisierung aller der Sammlung zugehöriger Dinge dar und suggerieren eine noch zu diskutierende Konstituierung der Sammlung in ihrer aktuellen Zusammensetzung, wobei auch die mit der Veröffentlichung auf einer Website einhergehende, zumindest potentielle Sichtbarkeit aller der Sammlung zugehöriger Dinge eine Rolle spielt. Mit der fotografischen Inventur ging auch das Interesse einer Reflexion meiner eigenen Sammeltätigkeit einher, da ich mich bisher nie vertieft mit der Frage auseinandergesetzt habe, weshalb ich überhaupt Dinge – wie selbstverständlich und ohne bewussten Entschluss – gesammelt habe und immer noch sammel. Dabei soll diese Arbeit aber nicht den Versuch unternehmen, aus den Dingen meiner Sammlung Rückschlüsse auf mich als individuell Sammelnden abzuleiten, sondern, ausgehend vom konkreten Beispiel, ein differenziertes Verständnis des Phänomens Sammeln in seiner enormen Vielfalt und Verbreitung entwickeln. Um der Breite des Phänomens gerecht zu werden, habe ich versucht, einen möglichst vielfältigen Blick auf das Sammeln zu gewinnen und Positionen und Theorien aus unterschiedlichen Disziplinen, Zeiten und Kontexten in Beziehung zueinander und zu meiner Sammlung zu setzen. Die Bezugnahme soll dabei hergestellt werden, indem anhand einzelner Gegenstände der Sammlung theoretisch reflektierte Aspekte des Sammelns in der Praxis meiner Sammeltätigkeit kontextualisiert und konkretisiert werden.
Abb. 1: Bergkristall
Abb. 2: Ammonit auf Matrix, als Kind auf einer Mineralienbörse gekauft
Abb. 3: Unterkiefer von Wildschweinen, als Kind im Wald gefunden
Abb. 4: Feder, evtl. vom Wiedehopf
Abb. 5: Konservendose, gefunden im Red Rock Canyon State Park in Californien
Abb. 6: Holzstück mit Lackresten
Abb. 7: Kieselsteine mit Quarzadern
Abb. 8: Schulterblatt, Tier unbekannt, gefunden auf Island
Das Sammeln von Gegenständen jeglicher Art ist ein so verbreitetes Phänomen, dass Krzysztof Pomian vom Sammeln als “anthropologische Tatsache” (Pomian 1998, S. 12) schreibt. Im Verständnis des Sammelns als genuin menschliches, kollektives Phänomen kann davon ausgegangen werden, dass jeder Mensch in der ein oder anderen Form Dinge sammelt, worin sowohl die Relevanz als auch die Herausforderung des Themas liegt (vgl. Wilde 2015, S. 18). Aufgrund der großen Diversität, in der Sammeln stattfindet, lässt sich kein klares, einfach anwendbares Muster für alle Formen des Sammelns finden, ohne dass entweder eine Reduktion auf einzelne, nur bestimmte Realisationen des Sammelns erfassende Aspekte oder eine unspezifische Verallgemeinerung stattfindet. Während Sammeln die Tätigkeit beschreibt, liegt in dem Begriff der Sammlung der Versuch, einen Begriff für die Gesamtheit aller in einem bestimmten Rahmen gesammelter Dinge zu finden. Wie der Rahmen dabei gesetzt wird, ist von Sammlung zu Sammlung unterschiedlich, weshalb beim Bezug auf eine konkrete Sammlung beachtet werden muss, in welchem Rahmen die gesammelten Gegenstände als zusammengehörige Sammlung betrachtet werden. Die Zusammengehörigkeit der Dinge einer Sammlung wird häufig an die Figur des Sammlers bzw. der Sammlerin geknüpft, beschränkt sich aber nicht darauf, da Sammlungstätigkeit beispielsweise auch institutionell oder kollektiv stattfinden kann, während umgekehrt eine einzelne Person diverse voneinander separierte Sammlungen anlegen kann (Abb. 9 – 10). Um mit diesen breit gestreuten Variablen umgehen zu können, bietet sich die Konzentration auf die Überführung von Gegenständen in einen anderen Kontext als aller Sammlungstätigkeit zugrunde liegender Prozess an. Diese Überführung von Dingen in einen neuen Kontext ist das wesentliche Charakteristikum und die Gemeinsamkeit der gesammelten Gegenstände in ihrer großen Vielfalt (vgl. Pomian 1998, S. 50, 56f). Der Schwerpunkt dabei liegt auf den Gegenständen als Materialisierung oder Träger dieses Prozesses. Um nicht in die bloße Aufzählung der Dinge, die gesammelt werden, zu geraten, muss deshalb betrachtet werden, wie sich Gegenstände innerhalb einer Sammlung zu Gegenständen außerhalb einer Sammlung verhalten, da darin die Gemeinsamkeit gesammelter Gegenstände liegt. Für Pomian liegt dieser Unterschied zunächst darin, dass Gegenstände in Sammlungen der Nützlichkeit entzogen sind, sie entbehren “jeder nützlichen Zweckbestimmung” (Pomian 1998, S. 14). Dabei kann es sich einerseits um Gegenstände handeln, die außerhalb einer Sammlung einen Gebrauchswert haben, der durch die Überführung entzogen wird und andererseits um Gegenstände, die aufgrund des auch außerhalb nicht vorhandenen Gebrauchswertes Abfall (Abb. 11) wären und somit nur im Kontext einer Sammlung aufbewahrt werden (vgl. Pomian 1998, S. 50). Auf dieser Grundlage versucht Pomian die Definition einer Sammlung aufzustellen, betont aber selbst, dass sie in dieser Form nicht ausreicht, um das Phänomen Sammlung in seiner Gänze zu erfassen:
[Eine] Sammlung ist jede Zusammenstellung natürlicher oder künstlicher Gegenstände, die zeitweise oder endgültig aus dem Kreislauf ökonomischer Aktivitäten herausgehalten werden, und zwar an einem abgeschlossenen, eigens zu diesem Zwecke eingerichteten Ort, an dem die Gegenstände ausgestellt werden können (Pomian 1998, S. 16).
Die Überführung in einen neuen Kontext bezieht nach diesem Definitionsversuch folglich auch eine sich nach der Sammlung richtende Form der Aufbewahrung und Ausstellung ein. Eine stärkere Betonung der aktiven Rolle des Sammlers bzw. der Sammlerin tritt bei Alois Hahns Definition eines Sammlers auf, der den Prozess der Überführung ähnlich wie Pomian beschreibt:
Als Sammler gilt uns der, der entweder sonst wertlose Gegenstände als solche als Gegenstand der Betrachtung oder auch bloß aufgrund der Freude an ihrem Besitz sammelt oder der Gegenstände, die auch sonst eine Gebrauchsfunktion hätten, aus diesem Kontext endgültig befreit und sie ohne die ernsthafte Absicht, sie in diesen Kontext zurückzuführen, hortet (Hahn 1982, S. 14).
Die Betonung der aktiven Rolle des Sammlers bzw. der Sammlerin ist besonders in Betrachtung konkreter Sammlungskomplexe von Relevanz, bringt aber zugleich die Gefahr mit sich, das Sammeln von Dingen aus der Motivation von Individuen zu begründen und darzustellen. Um das Sammeln, verstanden als “anthropologische Tatsache” (Pomian 1998, S. 12) und damit über Fragen der individuellen Motivation hinausgehend, als Phänomen zu untersuchen, muss der Frage nachgegangen werden, weshalb Gegenstände ohne einen klaren, durch eine Logik der Konsumption bedingten, Nutzen gesammelt werden und wie sich das Sammeln wiederum auf die Gegenstände auswirkt.
Abb. 9: Treibholz, vermutlich als Kind am Meer gefunden
Abb. 10: gefärbte Achatscheibe
In einer frühen Phase des Sammelns hatte ich getrennte Sammlungen für “Edelsteine” auf der einen und selbst gefundene Gegenstände wie Äste, Wurzeln und Knochen auf der anderen Seite. Später wuchsen beide Sammlungen zusammen.
Abb. 11: Gewölle, evtl. von einer Eule, vmtl. Mäuseknochen erkennbar
Ausgehend von Grabbeigaben und Reliquien leitet Krzysztof Pomian in der Ursprung des Museums. Vom Sammeln her, dass die Grundvoraussetzung dafür, dass ein Gegenstand gesammelt wird, das Tragen von Bedeutung ist. Diese Bedeutung ergibt sich daraus, dass ein Gegenstand eine Verbindung zum Unsichtbaren aufweist, wobei der Gegensatz zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem nicht metaphysischer Natur sein muss, wie die Beispiele Reliquien und Grabbeigaben nahelegen könnten, sondern sich “ganz verschieden materialisieren kann” (Pomian 1998, S. 43). Das Unsichtbare kann beispielsweise in einer weiten Entfernung im Raum begründet liegen, aber auch in einer zeitlichen Distanz Richtung Zukunft oder Vergangenheit oder gänzlich außerhalb des materiellen Rahmens der sichtbaren Welt (vgl. Pomian 1998, S. 43f). Entscheidend ist dabei, dass in dieser Verbindung eine Bedeutung begründet liegt, was Krzysztof Pomian am Beispiel antiker Gegenstände ausführt, die bis ins 14. Jahrhundert weitgehend als Abfall wahrgenommen wurden und erst in Folge eines wachsenden Interesses an der Antike zu verbreiteten Sammelgegenständen wurden (Abb. 12) (vgl. Pomian 1998, S. 55-57). Die Rolle eines Gegenstandes, der mit Bedeutung aufgeladen ist, entspricht damit der eines Vermittlers zwischen der Welt des Sichtbaren und der Welt des Unsichtbaren, weshalb Pomian für diese Gegenstände den Begriff der Semiophoren einführt, ein Neologismus aus den altgriechischen Wörtern sēmeĩon, was mit Zeichen und phorós, was mit tragen übersetzt wird. In der Wortgebung wird die Verwandtschaft von Semiophoren mit Sprache und Schrift sichtbar, die mittels Texten und Erzählungen als Verbindungsmedium zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt fungieren kann. Den Grund für die zunehmende Sammeltätigkeit antiker Gegenstände sieht Pomian demzufolge auch in einer Gleichzeitig mit der Lektüre antiker Schriften, die durch Kontextualisierung dazu beitragen, dass antike Gegenstände Bedeutung erlangen (vgl. Pomian 1998, S. 49f, 55f). Das Beispiel macht auch deutlich, dass die Verbindung zum Unsichtbaren einem Gegenstand nicht inhärent sein muss, sondern abhängig von Kontext und Rezeption ist (Abb. 13). Das aus einer Vermittlerrolle zum Unsichtbaren hervorgehende Tragen von Bedeutung macht einen Gegenstand somit zum Semiophoren. Zusammenfassend lassen sich Gegenstände folglich in zwei Gruppen aufteilen, die Krzysztof Pomian unterscheidet:
Auf der einen Seite befinden sich die Dinge, nützliche Gegenstände, das heißt solche, die konsumiert werden können oder die dazu dienen, sich Subsistenzmittel zu verschaffen oder auch Rohstoffe umzuwandeln, so dass sie konsumiert werden können oder schließlich dazu, gegen die Veränderungen der natürlichen Umgebung zu schützen. Mit all diesen Gegenständen hantiert man, durch sie alle werden physische, sichtbare Veränderungen vorgenommen oder sie erleiden sie auch: sie nutzen sich ab. Auf der anderen Seite befinden sich die Semiophoren, Gegenstände ohne Nützlichkeit im eben präzisierten Sinn, sondern Gegenstände, die das Unsichtbare repräsentieren, das heißt die mit einer Bedeutung versehen sind. […] Die produktive Tätigkeit ist damit in zwei verschiedene Richtungen orientiert zum Sichtbaren hin und zum Unsichtbaren hin, zur Maximierung der Nützlichkeit oder zur Maximierung der Bedeutung (Pomian 1998, S. 50).
Welche Gegenstände Semiophoren sind und welche “Dinge” ist kein statischer Zustand, sondern unterliegt zeitlichen Veränderungen und unterscheidet sich von Gruppe zu Gruppe. Mit dem Erlangen von Bedeutung geht gleichzeitig eine Wertzuschreibung einher, was sich – trotz der Herausnahme aus dem Kreislauf ökonomischer Aktivitäten – in der Regel in einem ökonomischen Wertzuwachs der gesammelten Gegenstände widerspiegelt (Abb. 14). Demgegenüber stehen Gegenstände, die sich aufgrund ihrer erlangten Bedeutung als Semiophoren einordnen lassen, aber aus ökonomischer Perspektive weitgehend wertlos sind, was sich auf eine individuelle Bedeutungszuschreibung zurückführen lässt (Abb. 15). Wenn innerhalb einer Gruppe von Sammelnden kein Konsens über die Bedeutung eines Gegenstands herrscht, sondern die Bedeutung aus individueller Zuschreibung erwächst, lässt sich nur sehr eingeschränkt von einem ökonomischen Wertzuwachs ausgehen, da der Kreis der Personen, die aufgrund der zugeschriebenen Bedeutung bereit wären, einen höheren Preis zu bezahlen, minimal ist. Da der ökonomische Wert von Semiophoren aus ihrer Bedeutung für eine bestimmte Gruppe erwächst, läge nahe, dass auch die Sammlungsaktivität auf diese Gruppe beschränkt ist. Dem widersprechen Sammlungen, die beispielsweise spekulativ, also ökonomisch motiviert sind und eben nicht auf persönlicher Bedeutung für den Sammler bzw. die Sammlerin fußen.
Diese Differenz kommt laut Krzysztof Pomian in der Betrachtung der zeitlichen Perspektive der jeweiligen Sammlungstätigkeit zur Geltung. Ökonomisch motivierte Sammlungen führen dazu, dass Gegenstände zwar temporär dem ökonomischen Kreislauf entzogen werden, aber mit der Absicht, diese zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückzuführen (vgl. Pomian 1998, S. 51). Manfred Sommer unterscheidet deshalb zwischen ökonomischem Sammeln und ästhetischem Sammeln, wobei es beim ästhetischen Sammeln um sinnliche Wahrnehmung geht, um “ein Zusammentragen von Dingen um ihrer Anschauung willen” (Sommer 2011, S. 38-49; vgl. ebd.). Ziel dieser Unterscheidung ist keine Bewertung, sondern eine Differenzierung, bei der die von Sommer als ästhetisch bezeichneten Sammlungen gegenüber den ökonomischen im Rahmen dieser Arbeit mit Blick auf die Gegenstände relevanter sind, da in der Auseinandersetzung mit ihnen die Gegenstände unmittelbar Bedeutung tragen, während die Bedeutung in ökonomischen Sammlungen nur mittelbar wirkt. Das Sammeln von Gegenständen “um ihrer Anschauung willen” (Sommer 2011, S. 38-49) integriert in dieser Formulierung sowohl die Herauslösung von Gegenständen aus einer ökonomischen Logik der Konsumption, also der Herausnahme aus einem wirtschaftlichen Kreislauf, als auch die Bedeutung, die die Gegenstände in ihrem Wesen als Semiophoren tragen. Anschauung lässt sich dabei als über die visuelle Ebene des Schauens hinausgehendes, grundsätzliches Interesse an dem Gesammelten verstehen, dessen Begründung in der Bedeutung des jeweiligen Gegenstandes wurzelt. Eine ähnliche Differenzierung mit Betonung der motivationalen Komponente schlägt Odo Marquard in seinem Festvortrag Wegwerfgesellschaft und Bewahrungskultur vor. Er unterscheidet in vorsorgendes Sammeln, entdeckendes Sammeln und bewahrendes Sammeln und eröffnet mit dieser Dreiteilung eine weitere Möglichkeit, das breite Phänomen Sammeln differenziert zu untersuchen (vgl. Marquard 1994, S. 911).
Abb. 12: Replik einer römischen Münze, als Kind im Römermuseum Güglingen gekauft
Abb. 13: Schuhschnalle aus der Zeit der Bauernkriege, als Kind auf einer Mineralienbörse gekauft, nachdem ich in der Schule ein Referat über die Bauernkriege halten musste und offenbar ein Interesse für diesen Kontext bestehen blieb
Abb. 14: Schulterblatt eines Mammut, vermutlich teuerster Gegenstand der Sammlung, gekauft auf einer Mineralienmesse, als Kind für einen niedrigeren Preis bekommen
Abb. 15: vmtl. Quarzablagerungen, aus ökonomischer Sicht wertlos, aber bedeutend für mich, da er einer der ersten “besonderen” Steine ist, die ich selbst gefunden habe. Außerdem ist er durch seinen Fundkontext im Familienurlaub in Italien mit vielen Erinnerungen verbunden.
Die Unterscheidung verschiedener Formen des Sammelns ist bei Odo Marquard in der Benennung motivational, bezieht aber gleichzeitig den zeitlichen Horizont der Sammeltätigkeit mit ein. Die erste zeitliche Perspektive besteht darin, dass Odo Marquard seine Formen des Sammelns historisch verortet und von einem Wandel in der Art des Sammelns ausgeht, wobei er jedoch darauf verweist, dass seine Typologie zwar “chronologisch akzentuiert[…]” (Marquard 1994, S. 911) ist, alle Formen des Sammelns jedoch zu jeder Zeit vorhanden waren (vgl. Marquard 1994, S. 911). Die zweite zeitliche Perspektive liegt in der zeitlichen Orientierung der jeweiligen Form des Sammelns.
Im vorsorglichen Sammeln ist die Orientierung bereits begrifflich integriert, indem mit dem Motiv der Vorsorge für einen in der Zukunft zu erwartenden Nutzen gesammelt wird. Vergleichbar zum ökonomischen Sammeln bei Manfred Sommer geht mit dem vorsorglichen Sammeln nur eine temporäre Entziehung aus dem ökonomischen Kreislauf und ein Aufschieben eines praktischen Nutzens einher. Vorsorgliches Sammeln als Konzept lässt sich dabei nicht nur auf die gesamte Bandbreite materieller praktisch orientierter Prozesse des Sammelns beziehen, sondern auch auf immaterielle Formen übertragen, beispielsweise den Prozess der wissenschaftlichen Theoriebildung, der maßgeblich auf die Wissensfixierung und -sammlung im Medium der Literatur aufbaut (vgl Marquard 1994, S. 911f).
Weniger eindeutig in seiner zeitlichen Orientierung zu fassen ist Marquards zweite Form des Sammeln, das entdeckende Sammeln. Der Begriff des Entdeckens impliziert eine Ausweitung des eigenen Horizontes, die u.a. räumlich, kulturell oder wissensbasiert stattfinden kann, wobei in Konsequenz etwas Unbekanntes bekannt wird. Motivational unterscheidet sich das entdeckende vom vorsorgenden Sammeln darin, dass es nicht auf spätere Nützlichkeit ausgerichtet ist, sondern vielmehr aus der Überzeugung stattfindet, dass “man am besten sich selber sammelt, indem man Anderes sammelt, und am besten zu sich selber kommt, indem man die Welt entdeckt und ihre Kuriositäten und Neuheiten im eigenen Land, im eigenen Schloß, in der eigenen Universität und in der eigenen Stube zusammenträgt” (Marquard 1994, S. 912). Auffallend ist hierbei die Ausrichtung auf das sammelnde Subjekt als Orientierungspunkt der Sammeltätigkeit. Die Formulierung Marquards der Sammlung als “Inversion der Reise” (Marquard 1994, S. 913) betont das Wesen der Gegenstände als Semiophoren in ihrer Verbindung zum Unsichtbaren, in diesem Fall zum Abwesenden, zum räumlich Entfernten und stellt somit eine Verbindung zu Pomian her (Abb. 16 – 19) (vgl. Pomian 1998, S. 58). Insofern lässt sich die zeitliche Ausrichtung, auch wenn u.a. Gegenstände vergangener Zeiten gesammelt werden, aufgrund der Ausrichtung auf die*den Sammelnde*n am ehesten im Präsens verorten, in der Gegenwart des oder der Sammelnden. Historisch setzt Marquard diese Form des Sammelns schwerpunktmäßig in der Zeitspanne des 15. bis 18. Jahrhunderts an und zählt als Realisationen entdeckenden Sammelns u.a. botanische Gärten, Naturalien- und Raritätenkabinette, Kunst- und Wunderkammern sowie die Sammlung geraubter Gegenstände anderer Kulturen im kolonialen Kontext, aber auch neuzeitliche Archive und Bibliotheken auf (vgl. Marquard 1994, S. 913). Diesen unterschiedlichen Variationen entdeckenden Sammelns ist gemeinsam, dass sie zur Konstruktion von Sammler*innenidentitäten genutzt wurden bzw. werden. Dies geschieht zum einen durch Identifikation des*der Sammelnden mit seiner*ihrer Sammlung, indem die Sammlung als Erweiterung der Persönlichkeit und als selbstdarstellerischer Ausdruck des besonderen Geschmacks, häufig des eigenen Vermögens und als “Insignie[…] sozialer Zugehörigkeit” (Pomian 1998, S. 62) gebraucht wird. Krzysztof Pomian beschreibt, wie die Entstehung neuer sozialer Gruppen ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zum Aufkommen neuer Semiophoren führt, die als Ausdruck der eigenen gesellschaftlichen Position gesammelt und zur Schau gestellt werden. Aus der Bedeutung der Semiophoren soll der eigene Anspruch auf Bedeutung abgeleitet und behauptet werden, was dazu führen kann, dass mit dem Erlangen von Semiophoren der Eintritt in ein ansonsten geschlossenes Milieu möglich wird (vgl. Pomian 1998, S. 60-63). Um diese Wirkung zu erzielen, erfordert eine Sammlung eine Sichtbarkeit, die je nach Adressat*innenkreis und Intention verschiedene Formen der Ausstellung oder Zur-Schau-Stellung annehmen kann (Abb. 20 – 21). Der zweite Aspekt, der der Konstruktion von Sammler*innenidentitäten dient, ist die Begründung der eigenen individuellen oder kulturellen Identität entweder in einer positiven Rekursion auf andere oder frühere Kulturen, wie beispielsweise die unzähligen Anknüpfungsversuche an das römische Reich oder die Abgrenzung zu einem wie auch immer gearteten Anderen, die häufig mit der Behauptung einer eigenen Überlegenheit einherging und -geht, was besonders in kolonialen Kontexten evident ist (vgl. Marquard 1994, S. 913). Bis heute werden in einer solchen Logik Gegenstände als Repräsentanten anderer kultureller Kontexte genutzt (vgl. von Bose 2016, S. 103). Friedrich von Bose kritisiert die Ausstellungsplanung des Humboldt-Forums für eine Vorführung dieser Praxis des Sammelns und Ausstellens demgemäß:
Die modulare Struktur, die die geplanten Ausstellungsflächen […] nach geografischen Einheiten trennt, macht das Museum erneut zum Ort der Visualisierung räumlich abgegrenzter, kulturell homogener, historisch unspezifischer Anderer (von Bose 2016, S. 107).
Mit dem Sammeln des Anderen geht neben der Identitätsbildung durch Abgrenzung auch eine Aneignung der Gegenstände einher. Gegenstände werden sortiert, klassifiziert und in mit der eigenen (kulturellen) Identität verknüpften Ordnungssystemen zum Teil einer Sammlung gemacht. Mit der “Klassifikation [als] […] Ordnung des entdeckenden Sammelns” (Marquard 1994, S. 914) wird die Welt der Gegenstände (er-)fassbar und beherrschbar gemacht, jeder Gegenstand hat seinen festen Platz im System der Sammlung, die Welt rückt nahe. Daraus geht auch hervor, dass das entdeckende Sammeln auf Vollständigkeit orientiert ist. Eine solche Sammlung soll ihrer inneren Logik entsprechend eine möglichst vollständige Abbildung sein, wobei die Gegenstände eine repräsentative Rolle im Klassifikationssystem einnehmen. Diese Reduzierung der Gegenstände ignoriert laut Friedrich von Bose auch in aktuellen Ausstellungskontexten das “Eigenleben auch jenseits der klassischerweise zugestandenen Eigenschaften als Repräsentanten” (von Bose 2016, S. 113), das sich darin ausdrückt, dass Gegenständen als “Akteure in einem breiten Netzwerk” (ebd.) eine “Macht der Dinge” (ebd.) zugesprochen wird. In einer “Sammlung [, die] sich – aufgrund ihrer Kohärenz der Ordnung – dominierend über die historischen Eigentümlichkeiten der Objekte legt” (Finkelde 2006, S. 198), wie Finkelde beschreibt, können Gegenstände nur begrenzt als Akteure in Erscheinung treten. Im beschriebenen Kontext beruht die Bedeutung der Gegenstände wesentlich auf ihrem Platz in einem Gesamtsystem, auf ihrer Klassifikation, woraus sich die Frage ergibt, inwiefern die Bedeutung eines Gegenstand ausgehend vom Gegenstand selbst begründet ist oder ob die Logik der Sammlung den Gegenständen geradezu ihre Bedeutung aufzwingt. In diesem Sinne argumentiert Friedrich von Bose für eine Anerkennung des Eigenlebens der Gegenstände in dem Sinn, dass der Verbindung eines Gegenstandes zum Unsichtbaren jenseits des Repräsentationsgestus nachgegangen und ihm so der Status eines Akteurs zuerkannt wird (vgl. von Bose 2016, S. 102f). Roswitha Muttenthaler vergleicht in ihrem Beitrag Beredsam und wirkungsvoll. Dimensionen der Dinge aus museologischer Perspektive verschiedene Ausstellungssituationen hinsichtlich der Frage, wie Gegenstände als “wirksame Dinge” (Muttenthaler 2016, S. 40) anstatt als allein repräsentative oder verweisende auftreten können (vgl. Muttenthaler 2016, S. 37-42).
Diverse “Urlaubsmitbringsel”:
Abb. 16: Rentiergeweih, einer der neusten Zugänge zur Sammlung, 2019 gefunden in Schweden
Abb. 17: getrocknete Pflanzenreste aus dem Joshua Tree National Park in Californien
Abb. 18: getrocknetes Seepferdchen, gekauft auf einer in der Oberstufe stattgefundenen Studienfahrt nach Kroatien
Abb. 19: Papageientaucher-Schädel, gefunden auf Island
Abb. 20 – 21: zwei der wenigen Fotos, die einen Teil der Sammlung in aufgebautem Zustand zeigen, obwohl die Sammlung häufig in meinem Kinderzimmer aufgebaut war
Während die spezifischen Merkmale entdeckenden Sammelns am Beispiel kolonialer Sammlungen in besonderer Ausprägung zu beobachten sind, finden sich Elemente des entdeckenden Sammelns in vielen Sammlungskontexten. Besonders die Tendenz zur Klassifikation und Etablierung einer inneren Sammlungslogik ist in fast allen Sammlungen in verschiedener Ausprägung feststellbar. Ohne vertiefend darauf einzugehen, soll als fiktives Beispiel einer in maximalen Maßstab ausgeführten Praxis des entdeckenden Sammelns, die sich dennoch stark von den bisherigen Beispielen unterscheidet, die Sammlungstätigkeit in Adalbert Stifters Roman Der Nachsommer dienen. Die Sammlung des Freiherrn von Risach, die im Verlauf des Romans vom Protagonisten Heinrich Drendorf mitgestaltet wird, konzentriert sich in ihrem Kern darauf, die Entdeckungen in den Gegenständen ihrer eigenen (Um-)Welt zu machen und damit alles in ein Ordnungssystem, das mit dem Anspruch an Rationalität organisiert ist, zu bringen (vgl. Finkelde 2006, S. 195). In diesem solchermaßen geordneten Kosmos wird die Eigenschaft der Sammlung als Erweiterung des sammelnden Subjekts und die daraus abgeleitete identitätsstiftende Funktion dargestellt, was im folgenden Auszug aus dem Roman deutlich wird:
Der Vater pflegte zu sagen, ich müßte einmal ein Beschreiber der Dinge werden, oder ein Künstler, welcher aus Stoffen Gegenstände fertigt, an denen er so Antheil nimmt, oder wenigstens ein Gelehrter, der die Merkmale und Beschaffenheiten der Sachen erforscht. […] In späterer Zeit begann ich, die Naturgeschichte zu betreiben. Ich fing bei der Pflanzenkunde an. [Abb. 22 – 29] Ich suchte zuerst zu ergründen, welche Pflanzen sich in der Gegend befänden, in welcher ich mich aufhielt. Zu diesem Zwecke ging ich nach allen Richtungen aus, und bestrebte mich, die Standorte und die Lebensweise der verschiedenen Gewächse kennen zu lernen, und alle Gattungen zu sammeln. Welche ich mit mir tragen konnte, und welche nur einiger Maßen aufzubewahren waren, nahm ich mit in meine Wohnung. […] Ich bemerkte, daß von den Pflanzenlehrern die Eintheilung der Pflanzen nur nach einem oder einigen Merkmalen […] gemacht wurden, und daß da Pflanzen in einer Gruppe beisammen stehen, welche in ihrer ganzen Gestalt und in ihren meisten Eigenschaften sehr verschieden sind. Ich behielt die herkömmliche Eintheilung bei, und hatte aber auch meine Beschreibungen daneben. In diesen Beschreibungen standen die Pflanzen nach sinnfälligen Linien, und, wenn ich mich so ausdrücken dürfte, nach ihrer Bauführung beisammen (Stifter 2005, S. 28 – 30).
Die Identität der Charaktere, insbesondere des Freiherrn von Risach und Heinrich Drendorfs ist so eng mit ihren Sammlungen verwurzelt, dass davon losgelöst wenig Identität oder Charakter übrig bleibt, was Friedrich Hebbel in seinem Text Das Komma im Frack abwertend damit beschreibt, dass Stifter “den Menschen ganz aus dem Auge” (Hebbel 1963) verliere. Aber obwohl die Gegenstände dementsprechend präsent sind, kann ihnen kein Akteur-Status im Sinne Friedrichs von Bose zugesprochen werden, da alle Gegenstände entsprechend dem alles durchziehenden klassifikatorischen Ordnungssystem eingeordnet werden. Nur im Rahmen eines fiktiven Romans ist ein System in einer solchen allumfassenden Absolutheit vorstellbar, ohne dass es ständig zu Konflikten zwischen der inneren Logik des Systems und Gegenständen, die in ihrem Wesen diesem statischen, für Entwicklung verschlossenen Ordnungssystem widersprechen, kommen würde. Die Darstellung von Stifter ist in diesem Aspekt auch mit Blick auf die Zeitlichkeit von Interesse. Zum einen orientiert sich das Sammeln wie oben beschrieben auf die Gegenwärtigkeit des Sammlers bzw. der Sammlerin, zum anderen erzeugt die Dominanz des inneren Systems der Sammlung aber auch eine Verharrung im Stillstand und eine Unmöglichkeit für Entwicklungen, die über das Ordnungssystem hinaus gehen und verliert damit “das durch den Zufall sich erst definierende Moment von Lebendigkeit” (Finkelde 2006, S. 195f).
Nach diesem Exkurs zu Stifter, der das entdeckende Sammeln um eine weitere Perspektive ergänzen sollte, soll die Dreiteilung Marquards mit der dritten Art des Sammelns, dem bewahrenden Sammeln, abgeschlossen werden. Historisch hebt Marquard dafür das 18. Jahrhundert hervor, seit dem die Naturgeschichte zunehmend von der Vorstellung der Entwicklung und des Fortschreitens geprägt ist, was am deutlichsten in Darwins Veröffentlichung On the Origin of Species ein Jahrhundert später sichtbar wird (vgl. Marquard 1998, S. 914). Dieser Fortschrittsgedanke spricht gegen ein System starrer Klassifikation, wie es beim entdeckenden Sammeln vorherrschend war und charakterisiert in Folge das bewahrende Sammeln. Während das entdeckende Sammeln durch Sammeln des Neuen und dessen Integration in ein Ordnungssystem bestimmt war, richtet sich das bewahrende Sammeln auf das Alte und stellt damit eine andere Form der Weltaneignung dar (vgl. Marquard 1998, S.914). Zeitlich richtet sich das bewahrende Sammeln, auch begrifflich nahegelegt, in die Vergangenheit und kontrastiert damit die “Welt des Fortschritts und des Ausrangierens” (Marquard 1998, S. 915), eine Dualität, die Marquard mit dem Titel seines Beitrags, Wegwerfgesellschaft und Bewahrungskultur, bereits aufmacht.
Als zweiteilige Diagnose der aktuellen Gesellschaft betont diese Dualität aber auch die Aktualität des bewahrenden Sammeln und ergänzt die zeitliche Orientierung bewahrenden Sammelns in die Vergangenheit als Element der modernen Welt um eine gleichzeitige Orientierung auf die Gegenwart. In einer Welt, die sich entwickelt und neue Gegenstände produziert, muss Platz für Neues gemacht werden, indem Altes aussortiert und entsorgt wird. Diese Dynamik sieht Marquard seit dem 18. Jahrhundert in einer Beschleunigung, die aufgrund des zunehmenden Innovationstempos zu einer Zunahme der “Veraltungsmasse” (Marquard 1998, S. 915) führt. Daraus droht eine “Innovationsüberforderung” (ebd.) zu erwachsen, weshalb parallel zu dem Neuen der Innovation Kontinuitäten geschaffen werden müssen, indem Gegenstände trotz dem Verlust ihrer Nützlichkeit bewahrt werden. Auf diese Weise können aus Gebrauchsgegenständen Semiophoren werden (Abb. 30). Alte Gegenstände, die in ihrer Nützlichkeit überholt sind, indem sie zum Beispiel ersetzt wurden, kaputt sind oder modischen Konventionen nicht mehr entsprechen, wären Abfall, können aber, wenn sie zum Beispiel als “kontinuitätsschützende Kräfte” (Marquard 1998, S. 915) Bedeutung tragen, Semiophoren sein. Auch Krzysztof Pomian beschreibt eine solche Entwicklung anhand gewöhnlicher ländlicher Gegenstände, beispielsweise Möbeln oder Werkzeugen, die ursprünglich im Überfluss vorhanden waren, aber durch Ersetzung nach und nach zerstört werden, bis sie als Gegenstand zu verschwinden drohen und infolgedessen als Semiophoren gesammelt werden (vgl. Pomian 1998, S. 88f). Bewahrendes Sammeln ist solchermaßen “Kompensationsorgan” (Marquard 1998, S. 915) einer Bewahrungsgesellschaft, die gleichzeitig eine Wegwerfgesellschaft ist. Die Fülle an alten Dingen ohne Nützlichkeit in der modernen Welt ist ein Muster, dem auch Jean Baudrillard nachgeht.
In Das System der Dinge begründet er, weshalb das scheinbar Nicht-Moderne, Überholte und Nutzlose untrennbares Element des Modernen ist und als solches einen festen Platz in der Welt innehat, was im Phänomen des Sammelns zum Ausdruck kommt. Baudrillard verwendet dabei den Begriff des sinnbildlichen Objekts, welches er, ähnlich wie Krzysztof Pomian Semiophor, damit definiert, dass es “eine minimale Funktionalität [aufweist], […] aber von maximaler Bedeutsamkeit [ist] und […] sich auf die Vergangenheit oder auf die absolute Präzedenz der Natur [bezieht]” (Baudrillard 2001, S. 104). Die Bedeutung, Bedeutsamkeit bei Baudrillard, liegt, wie bei Pomian, in der Eigenschaft eines Gegenstandes als Vermittler zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt, die Baudrillard, für bewahrendes Sammeln entscheidend, unter anderem in der Vergangenheit verortet. Die Art und Weise, wie alte Gegenstände mit der Vergangenheit zusammenhängen und welche Bedeutung daraus für die Gegenwart begründet liegt, führt Baudrillard im Folgenden aus:
An die alten Objekte stellt man die Forderung, dass sie einen abgeschlossenen Ausdruck vermitteln, dass sie ein vollendetes Wesen seien. Die Zeitform des sinnbildlichen Objektes ist das Perfektum, das Ereignis, das sich einst in der Vergangenheit zugetragen hat und deshalb seine Begründung in sich hat, also authentisch ist. […] Es ist in der gegebenen Form eines Gegenstandes die Verewigung eines entschwundenen Wesens, die Elidierung der Zeit in der Vorstellung. Diese besondere Eigenschaft geht den funktionellen Gegenständen, da sie nur für die Gegenwart bestimmt sind, offensichtlich ab (Baudrillard 2001, S. 97f).
Zunächst lassen sich zwei Eigenschaften alter Gegenstände unterscheiden, die für das Phänomen sammeln relevant sind. Die Erste ist die, authentisch zu sein, ein Ausdruck, der für sich ein ganzes Diskursfeld aufmacht (Abb. 31 – 32). Die Authentizität eines Gegenstandes, bei Walter Benjamin und bei Baudrillard auch als Echtheit vorkommend, hat bei Benjamin eine enge Verknüpfung zur Zeitlichkeit, wie in folgender Definition zum Ausdruck kommt: “Die Echtheit einer Sache ist der Inbegriff alles von Ursprung her an ihr Tradierbaren, von ihrer materiellen Dauer bis zu ihrer geschichtlichen Zeugenschaft” (Benjamin 1963, S. 13) (vgl. ebd, S. 16f; vgl. Baudrillard 2001, S. 96). Baudrillard schreibt in diesem Sinn von der “Abstammung” (Baudrillard 2001, S. 99) eines Gegenstandes, die seine Authentizität begründet, woraus eine Abgeschlossenheit und Vollendetheit abgeleitet wird, die im Gegensatz zu den funktionellen Gegenständen steht (vgl. ebd., S. 97). Die zweite Eigenschaft alter Gegenstände ist die “Elidierung der Zeit in der Vorstellung” (Baudrillard 2001, S. 98), die im Sammlungskontext von besonderer Bedeutung ist, da sie sich im Gegensatz zur Ebene der Authentizität, die primär auf der Singularität des einzelnen Gegenstands beruht, aus der Organisation der Sammlung, bzw. der Organisation eines Gegenstandes in einer Sammlung erwächst (vgl. ebd., S. 122f). Die Logik einer Sammlung ist diskontinuierlich, da sie Gegenstände in ein System des Kreislaufs bringt, das, zumindest symbolisch, die Irreversibilität der Zeit zugunsten der Integration in eine – nicht zeitlich organisierte – Serie aufhebt (Abb. 33 – 36) (vgl. Baudrillard 2001, S. 122 – 124). Insofern ist Sammeln nach Baudrillard immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit, wobei die Gegenstände uns die “Überwindung dieser Irreversibilität von der Geburt zum Tod ermöglichen” (Baudrillard 2001, S. 123). Das bewahrende Sammeln als Kontinuitätselement bei Marquard wird bei Baudrillard somit um die Komponente des Sammelns als “Spiel mit dem Tod” (ebd., S. 125) erweitert, als Tätigkeit, die nicht nur Kontinuitäten während der Lebenszeit eines sammelnden Subjekts schafft, sondern eine Möglichkeit zum Umgang mit Irreversibilität der Zeit offeriert (Abb. 38).
Abb. 31: Replik einer römischen Münze, für einen Laien (wie mich) nicht von einem Original zu unterscheiden
Abb. 32: gefundene Scherbe, als Kind war ich davon überzeugt, dass sie römischen Ursprungs ist
Abb. 33: Ammonit, Goniatit, Steinkernerhaltung, geschliffen
Abb. 34: Ammonitenkiefer
Abb. 35: Ammonit, selbst gefunden, Hohlformerhaltung
Abb. 36: Ammonit, Ganzkörpererhaltung, Längsschnitt
Abb. 37: Vogelschädel mit Flaumresten, das Thema der Endlichkeit ist auch symbolisch in der Sammlung präsent
Die Komplexität des Phänomens Sammeln wird darin deutlich, dass sich bei jeder Differenzierung eine Reihe an Anknüpfungspunkten auftun, von denen jeder eine vertiefende Betrachtung wert wäre. Der Text bis hierher bietet insofern ein – hoffentlich stabiles – Gerüst, von dem aus Abzweigungen und Ableger in alle Richtungen möglich sind. Krzysztof Pomians Semiophorenbegriff bietet dafür ein gutes Fundament, indem mit ihm die begriffliche und funktionelle Basis für Gegenstände im Sammlungskontext definiert ist. Odo Marquards Dreiteilung stellt anknüpfend daran eine hilfreiche Gliederung für die Integration einer ganzen Reihe an Positionen zum Sammeln, von Friedrich von Bose und Roswitha Muttenthaler über Dominik Finkelde und Adalbert Stifter bis Jean Baudrillard, zur Verfügung. Im abschließenden Teil soll schließlich auf dieser Grundlage die Spezifik kindlichen Sammelns untersucht werden.
Kindliches Sammeln ist, wie Sammeln allgemein, ein weit verbreitetes und vielfältiges Phänomen (vgl. Rettenmeier 2019, S. 41). Dass Sammeln im Kindes- und im Erwachsenenalter als in Zusammenhang stehend gedacht werden, ist an den vielen Bezugnahmen in der Literatur sichtbar. Dabei wird sowohl in der Literatur, die sich spezifisch mit kindlichem Sammeln beschäftigt auf Sammeln im Erwachsenenalter Bezug genommen als auch umgekehrt in Literatur über Sammeln im Erwachsenenaltern (was in der Regel nicht als solches expliziert wird) auf kindliches Sammeln referiert. Häufig dient dieser Bezug, wie beispielsweise bei Walter Benjamin in Ich packe meine Bibliothek aus, dazu, bestimmte Aspekte des Sammelns als kindhaft oder als aus der Kindheit stammend zu identifizieren und Ähnlichkeiten zwischen Sammelformen im Kindes- und Erwachsenenalter auszumachen (vgl. Benjamin 1991b, S. 389). Es lassen sich unzählige schriftliche Zeugnisse kindlichen Sammelns finden, so schreibt Walter Benjamin beispielsweise:
Jeder Stein, den ich fand, jede gepflückte Blume und jeder gefangene Schmetterling war mir schon Anfang einer Sammlung, und alles, was ich überhaupt besaß, machte mir eine einzige Sammlung aus. ‘Aufräumen’ hätte einen Bau vernichtet voll stachliger Kastanien, die Morgensterne, Stanniolpapiere, die ein Silberhort, Bauklötze, die Särge, Kakteen, die Totembäume, und Kupferpfennige, die Schilde waren. So wuchs und so vermummte sich die Habe der Kindheit in den Fächern, Läden, Kästen (Benjamin 1991a, S. 286).
Dieser Auszug aus Walter Benjamins Rede über das Sammeln betont gleich mehrere Aspekte, die häufig im kindlichen Sammeln zu beobachten sind. Dass “jeder Stein, jede gepflückte Blume und jeder gefangene Schmetterling [dem jungen Walter Benjamin] Anfang einer Sammlung” (Benjamin 1991a, S. 286) waren, liege laut Dominik Finkelde darin begründet, dass das Kind “in einer Welt noch ganz unbestimmter Ordnungskriterien” (Finkelde 2006, S. 190) lebe. Ausdruck davon ist die zerstörerische Wirkung des Aufräumens als ein Überführen der Gegenstände in ein von Erwachsenen als Ordnung verstandenes System. Systematisieren und Ordnen, Gruppieren und Sortieren, Vergleichen und Klassifizieren stellen wichtige Operatoren des Sammelns dar, die bei aller Differenz ihrer Ausprägung im kindlichen Sammeln ebenso wie beispielsweise in der wissenschaftlichen Sammlungstätigkeit eines Instituts zur Sammlungstätigkeit dazugehören. Kindliche Sammlungen sind geordnet, auch wenn die Ordnungskriterien sich von “erwachsenen” Sammlungen unterscheiden und sehr individuell sein können, wie Sarah Rettenmeier in ihrer Dissertation Sammelaktivitäten im Grundschulalter – Studien zur pädagogischen Anthropologie der Kindheit zeigt. Demnach sortierten Kinder, falls die Ordnungsstruktur nicht durch die Sammelgegenstände, wie beispielsweise im Fall von Sammelkarten, vorgegeben ist, ihre gesammelten Gegenstände nach von ihnen frei gewählten Strukturen, darunter vermehrt nach ästhetischen Kriterien wie Farben, Größen und Mustern (Abb. 38 – 45) (vgl. Rettenmeier 2019, S.274f). Der Prozess des Ordnens kann dabei spielerischen Charakter annehmen und Zusammengehörigkeiten zwischen Gegenständen herstellen, wodurch neue Bedeutungen generiert werden. Gerade wenn die Sammlung thematisch offen ist und nicht eine beispielsweise durch den Rahmen eines Sammelheftes suggerierte Vollständigkeit gegeben ist, können Abgrenzungsfragen und Um- und Aussortierungsprozesse als Formen wissenschaftspropädeutischen Lernens verstanden werden, die initiiert von der Beschäftigung mit der eigenen Sammlung zu einem Erwerb von Fachwissen bezüglich der gesammelten Gegenstände führen (vgl. Duncker 2017, S. 100f). Deshalb lässt sich in der Regel von einer Art Expertentum von Kindern für ihre eigene Sammlung ausgehen, das zum einen auf der direkten Beschäftigung mit den Gegenständen und zum anderen auf Bemühungen zum Informationsgewinn über die gesammelten Gegenstände, zum Beispiel durch Literatur, Internetrecherchen oder den Austausch mit anderen Sammelnden, basiert (Abb. 46 – 47). Die Beschäftigung mit den Gegenständen ist gleichzeitig Ausdruck und Grundlage der Bedeutung, die Gegenstände als Semiophoren in einer Sammlung tragen. Die Entwicklung eigener Ordnungsstrukturen und -systeme lässt sich in dieser Beziehung als eine Form der ”Erforschung und Sinnzuschreibung der (Ding-)Welt” (Wilde 2015, S. 67) begreifen, wie es Denise Wilde beschreibt. Der Begriff der Sinnzuschreibung betont die aktive Rolle des Kindes, das in der Sammlungstätigkeit über die Beschäftigung mit Gegenständen als Akteur in Interaktion mit seiner Umwelt tritt. Auch Walter Benjamin beschreibt Sammeln als Element einer “ganze[n] Skala kindlicher Aneignungsarten vom Anfassen bis hinauf zum Benennen” (Benjamin 1991b, S. 389) und eine in dieser Auseinandersetzung mit der Dingwelt stattfindende “Erneuerung des Daseins” (Benjamin 1991b, S.389), indem Gegenstände in der eigenen Realität aktualisiert werden und ins Verhältnis mit der als Sammlung vorstellbaren Wahrnehmung der Dingwelt gesetzt werden. Die Funktion von Sammeln als Form der Auseinandersetzung und Beschäftigung mit der eine*n kindliche*n Sammler*in umgebenden Welt wird darin deutlich, dass “Dinge ihrem ursprünglichen Kontext entnommen und an einem neuen Ort zusammengetragen” (Rettenmeier 2019, S. 18) werden. In gewisser Weise können in diesem Prozess der Aneignung strukturelle Ähnlichkeiten mit dem entdeckenden Sammeln gesehen werden, da mit der Aneignung die Integration in ein Ordnungssystem einhergeht und die Um- oder Dingwelt beherrschbar gemacht wird. Allerdings muss das Ordnungssystem im kindlichen im Gegensatz zum entdeckenden Sammeln versatil sein, um nach und nach mehr von der Welt begreifen zu können, während sich das entdeckende Sammeln gerade durch ein statisches System auszeichnet. Der Vorgang der Aneignung von Gegenständen findet nicht nur materiell statt, sondern geht mit einer Beziehung zu Gegenständen einher, die daraus erwächst, dass Gegenstände durch diesen Prozess eine neue Bedeutung erhalten (vgl. Rettenmeier 2019, S. 18). Als Semiophoren tragen die Gegenstände als Vermittler mit der unsichtbaren Welt Bedeutung. Worin genau das Unsichtbare verortet ist, kann jeweils nur im konkreten Fall untersucht werden, im Fall von kindlichem Sammeln scheint das Tragen von Bedeutung häufig individuell und in biographischen Erfahrungen begründet zu sein (vgl. Rettenmeier 2019, S.14-18, 41). Oft ist die Bedeutung an die Art und Weise sowie den Zeitpunkt, an dem ein Gegenstand Teil der eigenen Sammlung wurde, geknüpft, was sich auch darin widerspiegelt, dass Kinder häufig wissen, wo und wie Gegenstände zu ihrer Sammlung hinzu kamen (Abb. 48 – 49). Folglich kann davon ausgegangen werden, dass gesammelte Gegenstände Teile biographischer Erfahrungen repräsentieren und, sicher verwahrt, ein “Stück persönlicher Kontinuität” (Rettenmeier 2019, S. 14) darstellen. In der Entfaltung einer solchen kontinuitätsstiftenden Kraft kindlicher Sammlungstätigkeit, lässt sich kindliches Sammeln demnach mit dem bewahrenden Sammeln im Sinn Odo Marquards vergleichen. Im Prozess des Erwachsen werdens kulminiert die prinzipielle Fortschrittsdynamik der Welt und die daraus erwachsende Masse an Neuem mit einer ständigen Erneuerung der persönlichen (Um-)Welt durch den Prozess des Aufwachsens, weshalb die Frequenz und Menge an Neuem für Kinder hoch ist (vgl. Marquard 1998, S. 915). Reinhard Fatke und Andreas Flitner sehen im Sammeln deshalb die Möglichkeit für Kinder, Dinge “aus dem Strom der Ereignisse, der Zeit und dem sich ständig verändernden Raum” (Fatke/Flitner 1983, S. 607) herauszunehmen, vergleichbar mit der “Elidierung der Zeit in der Vorstellung” (Baudrillard 2001, S. 98), wie sie Jean Baudrillard beschreibt.
Eine der vielen möglichen Verbindungen zum Unsichtbaren, in dem das Wesen der gesammelten Gegenstände als Semiophoren fußt, lässt sich demnach in der Verbindung zu einem anderen Zeitpunkt und damit auch einer anderen Lebenssituation vermuten (vgl. Duncker 2014, S.18; vgl. Duncker 2017, S. 101). Sammlungen können somit eine Art von Speicher- oder Archivfunktion einnehmen, die in erster Linie über Repräsentation funktioniert. Das solcherart Gespeicherte ist in der Regel nur individuell zugänglich, da das, was die Gegenstände repräsentieren, auf diese Weise nur mittelbar aufbewahrt ist. Angela Janelli verwendet in Wilde Museen für bestimmte Gegenstände die Formulierung “Konglomerat von Handlungen und Beziehungen” (Janelli 2012, S. 330), die sich aus dem Museumskontext auch auf kindliche Sammlungstätigkeit übertragen lässt und deutlich macht, dass ein Gegenstand keine abgeschlossene Entität ist, sondern in der Eigenschaft als ein solches Konglomerat Bedeutung tragen kann (vgl. Muttenthaler 2016, S. 40).
Dass die Bedeutung oft im Persönlichen begründet liegt, lässt sich auch daran sehen, dass Gegenstände, die von Kindern gesammelt werden, häufig außerhalb ihres Sammlungskontextes in der Unterscheidung Krzysztof Pomians als Abfall kategorisiert würden und sich der immaterielle Wert, der am sorgfältigen Aufbewahren und Behandeln sichtbar wird, nur sehr bedingt in ökonomischem Wertzuwachs niederschlägt (vgl. Fatke/Flitner 1983, S. 600). In kleinem Maßstab ist dieser dennoch beschränkt auf kleine Gruppen zu beobachten. Ein typisches Beispiel dafür sind die kleinen Kugeln von Tintenpatronen, die zum Beispiel innerhalb eines Klassenverbands getauscht und gehandelt werden, ohne dass alle daran Beteiligten diese selbst sammeln. Insgesamt darf die soziale Komponente kindlichen Sammelns nicht außer Acht gelassen werden. Kindliches Sammeln ist immer eine selbstgesteuerte Tätigkeit, da für eine anhaltende Auseinandersetzung damit ein eigenes Interesse notwendig ist, findet aber trotzdem innerhalb eines sozialen Umfeldes statt und wird dementsprechend davon beeinflusst (vgl. Duncker 2017, S. 96f). Auch wenn Sammeltätigkeit durch Sammlungen von Anderen inspiriert sind, ist deshalb (bei offenen Sammelthemen) die Entwicklung zu jeweils individuell geprägten Sammlungen zu beobachten. In diesem Sinn kann eine Sammlung für ein Kind eine identitätsbildende Komponente erhalten, indem es seine Sammlung als von Anderen verschieden und von eigenen Interessen und Erfahrungen geleitet wahrnimmt, wobei Kinder in der Regel ein Interesse daran haben, ihre Sammlung zu zeigen (Abb. 50) (vgl. Rettenmeier 2019, S. 280f). Ebenfalls identitätsbildend kann die Erfahrung der eigenen Wirkmacht sein, indem ein Kind die “subjektiv-funktionale Bedeutung der Gegenstände selbst bestimmt” (Fatke/Flitner 1983, S.609) und im Sinn einer Aneignung über die “implizierte Wirklichkeit” (ebd.) der Gegenstände seiner Sammlung verfügen kann. Benjamins Zitat von seinen “stachlige[n] Kastanien, die Morgensterne [waren]” (Benjamin 1991a, S. 286) ist Beispiel dieser Handlungs- und in diesem Fall Benennungsmacht und zeigt, dass sich kindliches Sammeln und kindliches Spielen als zwei elementare kindliche Tätigkeiten überschneiden können.
Abb. 38: Sodalith
Abb. 39: Aquamarin in Quarz
Abb. 40: Achat-Geode
Abb. 41: Cordierit
Abb. 42: Korallenstücke, jeweils ca. 5mm
Abb. 43: runde, kichererbsengroße Steine
Abb. 44: Eukalyptusfrüchte
Abb. 45: kleine Schneckengehäuse
Abb. 46: Gegenstände der Sammlung mit Beschriftungen, die teils beim Kaufen dabei waren und teils selbst geschrieben sind
Abb. 47: Foto eines Teils der aufgebauten Sammlung mit einem Buch, das die Erdzeitalter zeigt
Abb. 48: Muschel, beim Schnorcheln gefunden, verbunden mit einer Faszination für die Welt unter Wasser
Abb. 49: Muschel in Hohlformerhaltung mit Resten der Schalensubstanz, gefunden im Familienurlaub in Frankreich, der mit vielen schönen Erinnerungen verbunden ist
Abb. 50: Belemniten, gefunden im Steinbruch Holzmaden, in den wir eine Exkursion mit der Schulklasse gemacht haben. Außer mir haben auch einige andere in der Klasse Fossilien und Mineralien gesammelt.
Verwandt mit dem Begriff der Identitätsbildung ist der der Subjektwerdung, wie ihn der Psychoanalytiker Donald Winnicott in Bezug auf die Entwicklung eines Subjekt-Verständnisses verwendet. Im Kontext des Phänomen Sammelns ist er durch seine Beschäftigung mit von ihm als Übergangsobjekte bezeichneten Gegenständen interessant. Ein solches Übergangsobjekt ist ein Gegenstand, der eine Symbolbildung erfährt, das heißt, etwas bedeutet, womit es, wenn auch in einem anderen Kontext, ähnlich wie Semiophoren durch Bedeutung konstituiert wird. (Vgl. Winnicott 2012, S. 15.) Übergangsobjekte und Semiophoren entsprechen sich nicht, sind aber Ausdruck einer von verschiedenen Disziplinen konstatierten Bedeutungszuschreibung oder -aufladung, wobei der Begriff des Übergangsobjekt auch außerhalb der Psychoanalyse Einzug in Publikationen zum Phänomen Sammeln gefunden hat und als solcher besonders im Kontext des kindlichen Sammelns interessant ist. Ein Übergangsobjekt zeichnet sich im Kern dadurch aus, dass es eine wichtige Rolle im Prozess der Entwicklung des Subjekt-Verständnisses eines Kindes spielt. Es repräsentiert im Desillusionierungs-Prozess, in dem die Wahrnehmung der Trennung von innerer und äußerer Welt stattfinden muss, “den Übergang des Kindes aus einer Phase der engsten Verbundenheit mit der Mutter in eine andere, in der es mit der Mutter als einem Phänomen außerhalb seines Selbst in Beziehung steht” ( Winnicott 2012, S. 25, vgl. ebd., S. 20 – 25). Im Bezug auf kindliches Sammeln ist zu beobachten, dass viele, in psychoanalytischen Fallbeispielen als Übergangsobjekte betrachtete, Gegenstände erste Ansätze kindlichen Sammelns darstellen können und beispielsweise im Fall eines Kuscheltiers, die Grundlage einer anhaltenden Sammeltätigkeit bilden können. Das ist insofern nicht überraschend, da Sammlungstätigkeit, besonders im Kindesalter, aber auch insgesamt, vergleichbare Funktionen wahrnehmen kann. Erstens schaffen sowohl Sammlungen als auch Übergangsobjekte Kontinuitäten. Odo Marquard sieht in Museen in der modernen Welt ein funktionales Äquivalent zum prototypischen Übergangsobjekt des Teddybären, das in dem einen Fall in einer beschleunigten Welt und im anderen Fall für einen Entwöhnungsprozess Kontinuität verleiht (vgl. Marquard 1991, S. 917). Zweitens ermöglichen Übergangsobjekte und Sammlung auf ihre jeweils eigene Art Handlungsmacht über die Um- oder Dingwelt. Wesentlich ist dafür der Besitz als Voraussetzung, über etwas verfügen zu können. Das Übergangsobjekt ist gerade darin von Bedeutung, den wahrgenommenen Verlust der Omnipotenz, also der maximalen Verfügungsgewalt abzumildern, während Sammlungen eine Handlungsmacht gegenüber dem “räumlichen und zeitlichen Chaos” (Fatke/Flitner 1983, S. 606) der Welt ermöglichen (vgl. ebd., S. 606f; vgl. Winnicott 2012, S. 21 – 23). Zusammenfassend beschreibt Roswitha Muttenthaler die “engste Analogie zwischen Übergangsobjekt im strengen psychoanalytischen Sinn und dem Museumsding: [Sie liegt in] […] seiner Funktion, die Trennung hinauszuschieben, dem Abschied Dauer zu verleihen, die Objekte der Trennung zugleich als ein Stück innerlicher, privater und persönlicher Wirklichkeit und äußerlicher Museumsrealität in Schwebe zu halten” (Muttenthaler 2016, S. 45).
Auch dieser Text und diese Website waren in gewisser Weise Resultat einer Sammeltätigkeit, der Sammlung von Büchern, Aufsätzen, Theorien – und einem Roman – die sich aus verschiedenen Richtungen und Disziplinen und in verschiedenen Zeiten mit dem Phänomen Sammeln beschäftigen. Angesichts der Bandbreite an Realisationen und als “anthropologische Tatsache” (Pomian 1998, S. 12) präsentiert sich Sammeln als einen unglaublich interessanten und ergiebigen Forschungsgegenstand, weshalb dieser Schluss auch bloß ein vorläufiger sein kann. Insofern stellt er ein Zwischenfazit dar, das, anknüpfend an die in dieser Arbeit formulierten Positionen und Ideen, eine Annäherung an das Phänomen des Sammelns ermöglichen soll, wobei besonders die Gegenstände und das, was mit ihnen (und durch sie) in Sammlungskontexten passiert, im Mittelpunkt stehen sollen. Dafür will ich zunächst versuchen, den Gang der Arbeit zu rekapitulieren und im Anschluss den Brückenschlag zu meiner persönlichen Sammeltätigkeit und der daraus entstandenen Sammlung versuchen.
Auch wenn sich konkrete Sammlungen enorm unterscheiden können, ist eine Basis zur Erklärung der Allgegenwärtigkeit des Sammelns, dass Gegenstände über eine Nützlichkeit hinaus Bedeutung tragen können. Krzysztof Pomian begründet, wie zu Beginn der Arbeit beschrieben, die Bedeutung in dem Wesen solcher Gegenstände in ihrer Position als Vermittler zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Diese Beziehung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, die Semiophoren konstituiert, durchzieht das Phänomen Sammeln, was an der Adaptabilität dieser Idee (bzw. Beobachtung) für die aus verschiedenen Disziplinen und Kontexten stammenden Theorien und Ansätze sichtbar ist. Verwoben mit der Beziehung zur Zeitlichkeit lassen sich mit der Dreiteilung Odo Marquards verschiedene Formen des Sammelns differenzieren, die aufgrund verschiedener temporaler Orientierungen oder Beziehungen verschiedene Logiken des Sammelns etablieren. Die Unterteilung in vorsorgendes, entdeckendes und bewahrendes Sammeln bietet, indem die Formen weitgehend isoliert betrachtet werden, die Möglichkeit zur Analyse der jeweiligen Mechaniken und Besonderheiten, die wiederum dabei helfen, mit der Komplexität einer realen Sammlung umzugehen. Außerdem bieten sie ein Grundgerüst der Orientierung in den vielfältigen Prozessen der Sammeltätigkeit, in das andere Positionen und Theorien integriert werden können. Mithilfe von Roswitha Muttenthaler und Friedrich von Bose konnte so die Sicht auf Sammlungen um eine museologische ergänzt werden, während Jean Baudrillard u.a. die zeitliche Perspektive der Sammeltätigkeit mit dem Schlagwort der Aufhebung der Zeit in der Sammlung erweitert. Adalbert Stifters Der Nachsommer ist insbesondere durch dessen historische Zeugenschaft des Ideals eines alles durchdringenden, alles in ein wohlgeordnetes, harmonisches Konstrukt perfekter Logik bringendes Ordnungssystems interessant, während Walter Benjamin sowohl im Kontext der Frage nach Authentizität als auch in seiner Beschäftigung mit kindlichem Sammeln Aspekte des Sammelns betrachtet, die zu einem umfassenden Bild beitragen sollten. Dominik Finkelde bot schließlich mit seiner Publikation Vergebliches Sammeln eine Anknüpfungsmöglichkeit, um trotz dem Versuch der Multiperspektivität einen roten Faden beibehalten zu können und schließlich zum zweiten großen Thema des Hauptteils überzuleiten, dem Sammeln als Phänomen der Kindheit. Zunächst ist festzustellen, dass Sammeln häufig ohne Beachtung des in der Kindheit unzweifelhaft präsenten Phänomen des Sammelns untersucht wird. Ziel war deshalb, die im ersten Teil entstandenen Beobachtungen im Hinblick auf die Spezifität kindlicher Sammeltätigkeit und kindlicher Sammlungen zu prüfen. Für eine fundierte Vorstellung, wie kindliches Sammeln in Realisation aussieht, lieferte insbesondere die Dissertation von Sarah Rettenmeier, aber auch Ludwig Duncker den Rahmen. Innerhalb von diesem war der Text Was Kinder sammeln von Reinhard Fatke und Andreas Flitner eine wichtige Hilfe, um beispielsweise die Beobachtungen Jean Baudrillards auf kindliches Sammeln zu übertragen und dadurch untersuchbar zu machen. In der Untersuchung lassen sich, stark verkürzt, viele Gemeinsamkeiten feststellen, die besonders in den strukturellen Mechaniken einer Sammeltätigkeit beobachtbar sind. Trotzdem zeigt sich die Spezifität des Sammelns im Kindesalter gerade in den subtilen Unterschieden, wie beispielsweise in Ordnungssystemen kindlicher Sammlungen, die zunächst dem entdeckenden Sammeln im Sinne Marquards ähnlich zu sein scheinen, aber sich in ihrer Versatilität kategorisch davon unterschieden. Während für das kindliche Sammeln Theorien des allgemeinen Sammelns eine wesentliche Rolle spielen, wird interessanterweise das Übergangsobjekt nach Donald Winnicott als ein spezifisch kindliches Konstrukt beispielsweise bei Muttenthaler und Marquard auf den typischerweise nicht-kindlichen Sammlungskontexte des Museums übertragen. Tatsächlich gibt es, wie im Text gezeigt, Parallelen zwischen Semiophoren und Übergangsobjekten sowohl in der Begründung ihrer Bedeutung als auch in dem, welche Rolle sie für Kinder spielen können. Schlüssig erscheint auch die Möglichkeit, dass Übergangsobjekte Ausgangspunkte späterer Sammeltätigkeit darstellen können.
Abschließend bleibt für mich nur noch die Frage, wie und ob sich mein Verhältnis zu meiner persönlichen Sammeltätigkeit und der daraus über die Jahre gewachsenen Sammlung im Rahmen dieser Arbeit verändert hat. Eine Einschätzung fällt mir in erster Linie deshalb schwer, weil ich vor Beginn dieser Arbeit nie aktiv reflektiert habe, wie und warum ich Gegenstände sammle. Retrospektiv ist ein Grund dafür sicher die Kontinuität der Sammeltätigkeit, die sich in sich selbst begründet. Ich sammle, weil ich schon immer gesammelt habe, ein offensichtlicher Zirkelschluss. Vermutlich kann davon ausgegangen werden, dass die Entstehung meiner Sammlung, typisch für kindliches Sammeln, ein schleichender Prozess war, der zwar von persönlichen Interessen geleitet war, aber ohne einen expliziten Beschluss auskam. Viele der Perspektiven, die in dieser Arbeit zu Wort kommen, waren mir in dem Sinn bereits bekannt, dass sie die theoretische Fundierung von Wahrnehmungen, die einem fast unausweichlich im eigenen Sammeln begegnen, vollziehen. Beispielsweise ist die Feststellung, dass Gegenstände im Sammlungskontext Bedeutung tragen, deshalb an sich trivial, da dieser Umstand in der Praxis des Sammelns in fast allen damit verbundenen Handlungen präsent und offenkundig ist. Da diese vielfältigen Wahrnehmung und Erfahrungen in der Praxis aber, zumindest in meinem Fall, nur begrenzt zu einer Reflexion der daraus hervorgehenden theoretischen Implikationen führten, hilft es, anhand theoretischer Überlegungen zum Sammeln die Praxiserfahrung in einen größeren Kontext zu bringen, was zu einer Schärfung der eigenen Wahrnehmung und zu einer besseren Einordnung dieser beitragen kann. Alleine dadurch, mit der begrifflichen Unterscheidung Krzysztof Pomians Begriffe zur Unterscheidung verschiedener Arten von Gegenständen zu haben, geht eine Präzisierung im Ausdruck über, aber auch in der Wahrnehmung von Gegenständen im Sammlungskontext einher. Auch die Betrachtung der verschiedenen Dimensionen der Zeitlichkeit im Sammeln empfand ich als hilfreich, da mir die Verbindung von Zeitlichkeit und Sammlung schon vor dieser Arbeit bewusst war und zurückblickend einen Grund (oder zumindest ein Teil davon) meiner Faszination für die Tätigkeit des Sammelns ausmacht. Aus der Betrachtung des Phänomens Sammelns explizit im Kindesalter bleibt mir vor allem der Aspekt des Sammelns als Umgang mit dem räumlichen und zeitlichen Chaos der Welt, der damit einhergeht, dass Sammlungen eine biographische und kontinuitätsstiftende Dimension in sich tragen können. Darauf beruht, auch bei meiner persönlichen Sammlung, mit Sicherheit ein Teil der Verbindung zum Unsichtbaren, welche die Gegenstände meiner Sammlung als Semiophoren konstituiert. Die Arbeit hatte – auch durch die fotografische Inventarisierung und potenzielle Sichtbarkeit auf der Website – unbestreitbaren Einfluss auf meine Wahrnehmung der Sammlung und meiner Sammeltätigkeit, wobei besonders die Sensibilisierung für und die Explikation der Prozesse des Sammelns Spuren hinterlassen haben und werden.
Auch wenn ich keine Lieblingsstücke benennen könnte, will ich zum Abschluss der Arbeit noch auf einige Gegenstände verweisen, die ich alle in ihren jeweiligen Eigenheiten besonders interessant finde (Abb. 51 – 55).
Abb. 51: evtl. Calcit oder Quarz, als Kind in einem Steinbruch in Italien gefunden
Abb. 52: Garnele, fossil, als Kind auf einer Mineralienbörse gekauft
Abb. 53: Koprolith, fossiler Kot, Spurenfossil
Abb. 54: Fellbüschel, gefunden in Californien
Abb. 55: Stachelschweinborsten, 2021 in Italien gefunden
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